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Wir (Deutschen) lieben die Farbe Blau.

Blau ist die Lieblingsfarbe von fast der Hälfte der Deutschen¹ – ein Grund, warum so viele Internetseiten förmlich ersaufen?

Eine zugegeben einfache Erklärung und provokante Auffassung, um mit Ihnen in die Welt der Farbwirkung und den strategischen Einsatz von Farben einzusteigen. Mit der Farbe Blau verbinden wir den klaren und beruhigend wirkenden Himmel, sehen die Stille See und das tiefe mysteriöse Meer vor uns und assoziieren mit der Farbe die Ferne und Weite und fühlen uns dabei von Sehnsucht oder Einsamkeit erfüllt. Nicht erst seitdem die Erde als Kugel anerkannt wurde, streben wir Menschen danach, den nicht zufassenden Himmel und das was hinter dem Horizont an aufregendem Unbekannten liegt, zu erkunden und zu beherrschen.

In der Farbpsychologie wird dem Spektrum an Blautönen, trotz seiner Erscheinung oder Empfindung als kalt oder konzentrisch, durchweg positiven Wirkungen zu geschrieben, denn unsere Erfahrungen mit blauen Dingen ist selten negativer Natur. Auch in den Kulturen stehen Farben wie Aquamarin exzellent dar. Ihnen werden nicht nur die Eigenschaften wie ruhig, verlässlich, rational zu geschrieben, sondern sie werden sogar als göttlich, visionär, unergründlich wie mystisch aufgefasst. Kein Wunder das in den meisten Religionen Blau als Glücksfarbe gilt, denn was vom Himmel kommt, zum Beispiel Regen, wird in der Mehrheit der Länder sehnlichst erwartet und positiv begrüßt.

Blicken wir auf die Anwendung der Farbe im gestalterischen Bereich, etwa bei der Einfärbung von Websiten oder Internetauftritten. Hier ist Blau zu einer typischen Branchenfarbe avanciert, die um Vertrauen wirbt oder als besonders stark, zuverlässig oder loyal wahrgenommen werden will. Dazu zählen allgemein die Industrie, Pharma-Unternehmen, Wirtschaftsunternehmen oder aber Versicherungs- oder Finanzdienstleister. Verschiedene Blauabstufungen sind ideal um technische Abläufe, Innovationen oder ähnliches komplexes aufzusplitten und dem Betrachter in ruhiger, rationaler Stimmung ohne Umschweife verständlich darzulegen (Beispiel: Werbeprodukte der Techniker).

Mit der Wahl der Farbe Blau ist man quasi immer auf der sicheren Seite. Aber welche Alternativen gäbe es denn wirklich?


Weitere Primärfarben des Farbkreises nach Itten²

Sonniges Sommer-Gelb:

Trotzdem „Gelb die Farbe des Neides Sei“, nehmen wir Sie gerade in der Sommerzeit als energiegeladen, freundlich, hell, offen und optimistisch wahr. Sind wir von Gelbtönen umgeben, sind wir gleich viel kommunikationsfreudiger, offener, energiegeladener und freundlicher. So wertet Gelb etwa die Unternehmen DHL, ADAC oder die Shell auf, indem seine Wirkung die zwischenmenschliche Dienstleistung positiviert: es wird eine freundlichere Erwartungshaltung auf die bevorstehende Begegnung geschaffen – auch wenn es manchmal nicht so erfreulich läuft. Vielleicht ist dies auch der Grund, warum der Newsletter-Anbieter Mailchimp seit kurzem verstärkt auf die Farbe Gelb setzt. Aber Vorsicht, je nach Bildschirmeinstellung und Wahl einer Kontrastfarbe, kann die sonnengleiche Farbe schnell zu negativen Gefühlen führen, wenn sie etwa zu intensiv strahlt oder der Kontrast zu hart gewählt ist oder aber die falsche Farbe mit ihr kombiniert wird und dies in Disharmonie endet; Stichwort Grüngelb.

Blutrot:

Rot, die Farbe der Liebe, hat mit die stärkste, wenn nicht sogar polarisierendste Wirkung. Einerseits steht sie aufgrund ihrer Assoziation mit Blut, Herz oder Feuer für Leidenschaft, Power, Mut oder Macht anderseits ist sie gleichzeitig ein Sinnbild für Gefahr, Vernichtung, Krieg und Aggression. In unserer unmittelbaren Umgebung wird Rot oft für warnende Hinweise gesetzt – etwa für STOP-Schilder, Gefahrenhinweise, „besetzte Toiletten“ oder der klassische Abbruch-Button. In anderen Kulturen hat Rot einen deutlich besseren Stellenwert: In Indien zum Beispiel verbindet man mit Rot die Reinheit und wird daher gerne bei Hochzeiten getragen, bei uns im Volksmund würde eine rot gekleidete Frau auf Hochzeiten als Geliebte abgewertet. Aufgrund seiner intensiven Wirkung haben Ferrari oder und Netflix die passende Farbe für sich gewählt. Beide gehen aber dezent genug mit ihnen um und schaffen daher den Absprung von der zu intensiven, negativen Wirkung. Da Rot auf uns anregend bzw. erregend wirkt, ist ihr Einsatzgebiet im Web eher eingeschränkt: auf Datingseiten oder auf Seiten, die sich mehr an Frauen als Männern richtet, wird gerne mit den warmen roten Farbtönen gespielt.

Saftiges Grün (Sekundärfarbe):

Grün verbindet jeder sofort mit Natur, Frühling, Wachstum, Erwachen, Gesundheit oder Glück. Selten kommen negative Sättigungen wie Giftgrün zum Einsatz und Grün vor Neid scheint eher ein negatives Überbleibsel aus dem Volksmund zu sein. Grün ist und bleibt die Farbe der Hoffnung für uns. Die Farbpsychologie schreibt ihr, aufgrund seiner durchweg positiven Wahrnehmung, heilende Eigenschaften zu. Gut gewählte Grüntöne sind in der Lage Aggressionen aufzuheben und zur inneren Ruhe zu führen. Kein Wunder, dass Grün gesättigte Farben in der Lebensmittel-Branche oder bei Kosmetika – ob Bio oder nicht Bio – als auch in der Pharma-Industrie stark vertreten sind. Auch Coaching-Unternehmen, Wellness- und Fitnessanbieter, wie auch einzelne Versicherungsunternehmen setzen auf die Wahrnehmung und Wirkung. Gerne ziert Grün als Brandfarbe unzählige Produkte und Ketten, als bekannteste wäre hier Starbucks zu nennen.


Wir können also festhalten:

Egal wie viele unzählige Farben es bereits gibt, der Einsatz von Farben wird von unserer Wahrnehmung, Empfindung und der (Ein-)Wirkung auf uns gesteuert. Hierbei fließen unsere alltäglichen Erfahrungen, psychologische Erkenntnisse sowie gesellschaftliche und kulturelle Wertschätzung und Anwendungen mit ein. Zwar spielt unser Geschmack eine ebenso große Rolle, aber auch dieser wird von äußeren Einflüssen geprägt.

Die Frage, die sich mir als Gestalter von IT-Projekten hinsichtlich Nutzererwartung und Nutzerbedienung stellt ist die, in wie weit kann ich von den gängigen Farbcodes und Farbeinsätzen abweichen, ohne zu riskieren, dass Seitenbesucher aufgrund von Nutzerunfreundlichkeit, Verwirrtheit und negativer Empfindung direkt abspringen und die Webseite verlassen? Farbe spielt in der Gestaltung, Entwicklung und Umsetzung einen eher geringeren Faktor, aber wie Wirkung, Wahrnehmung und die Empfindung für ein positives Surf-Erlebnis darf sie dennoch nicht unterschätzt werden. Es stellt mich persönlich stets vor die neue Herausforderung immer mal wieder etwas Neues zu probieren.





QUELLEN:

  1. »Wie Design wirkt« von Monika Heimann und Michael Schütz. Reinwerk Design 1. Auflage 2017, 3., korrigierter Nachdruck 2019. Seite 286.
  2. Wikipedia zur Ittenschen Farbkreislehre

(LESE-)EMPFEHLUNGEN:


Autorin: Julia Turkowski, am 16.03.2020